Auf dem KL seit der zweiten Juni-Woche 2026 mit der Tafel ….
Der Bildhauer Josef Müllner gewann 1913 den Wettbewerb für das Lueger-Denkmal, das erst 1926 zur Zeit der sozialdemokratischen Alleinregierung aufgestellt wurde. Müllner, der viele Ziele des ehemaligen Bürgermeisters teilte, war Mitglied der antisemitischen und deutschnational ausgerichteten schlagenden Burschenschaft Athenaia und trat 1940 in die NSDAP ein.
Text: Univ.-Prof. i. R. DDr. Oliver Rathkolb
Wer dächte bei „Alleinregierung“ nicht sofort an die Bundesregierung Österreichs? Aber Oliver Rathkolb meint nicht die Bundesregierung, er meint den Stadtsenat respektive die Landesregierung Wiens. Die Bundesregierung Österreichs war zu dieser Zeit eine Koalitionsregierung der Christlichsozialen Partei (CSP) mit der Großdeutschen Volkspartei (GDVP) unter Rudolf Ramek. In Wien gab es 1926 eine sozialdemokratische Landesregierung, einen sozialdemokratischen Stadtsenat unter Bürgermeister Karl Seitz. Beschlossen, ein Denkmal für Karl Lueger zu errichten, aber unter dem christlichsozialen Bürgermeister Josef Neumayer bereits im März 1910 — Karl Lueger war gerade einmal eine Woche tot.
Oh, was war das für eine Feier im September 1926. Bald darauf, im Oktober 1926, löste der Prälat Rudolf Ramek als Bundeskanzler ab, wurde der Prälat erneut Bundeskanzler, er führte aber keine sozialdemokratische Alleinregierung, des Prälaten Kampf ging gegen die Sozialdemokratie, diese auszugrenzen, bereits vier davor war er für eine teilweise Entmachtung des Parlaments zu Gunsten eines mit deutlich umfassenderen Befugnissen ausgestatteten Bundespräsidenten —
womit wieder einmal die gültige Verfassung Österreichs in Erinnerung kommt. Aber auch der nach dem Prälaten benannte Platz, unweit vom KL, sozusagen im KL-Grätzel,
der erst 1949 von „Universitätsplatz“ auf des Prälaten Namen umbenannt wurde.
Damit es nicht allzu trocken wird, etwas Lustiges zwischendurch aus 1910, ehe von Richard Weiskirchner erzählt wird, der 1912 Josef Neumayer als Bürgermeister ablöste.
Ehrungen für den toten Biirgermeister.
Für das Andenken des verstorbenen Bürgermeisters wurde in den letzten Tagen viel getan. Da wurde in einer Bezirksvertretung vorgeschlagen, man solle den Bezirksteil. der auf der Schmelz entstehen soll, Lueger-Stadt nennen. Ein anderer Einfall ging dahin, den Bezirk Landstraße Lueger-Stadt, die Hauptstraße dieses Bezirkes Lueger-Straße zu heißen. Man hat auch eine Kirchenglocke mit dem Namen Lueger verquickt und man streitet sich schon um den Platz für ein Lueger-Denkmal. Noch einiges von dem, was in dieser Richtung geplant ist, wird erst jetzt bekannt. Da gibt es eine Strömung, die dahin geht, daß der Name ‚Wien‘ überhaupt abgeschafft werden soll. Es heißt, erscheine für eine Stadt, in der Lueger gelebt hat, lächerlich. Die Stadt Wien soll ‚Bürgermeister Dr. Karl Borromäus Lueger-Stadt‘ getauft werden. Um den Platz für ein Denkmal sich zu streiten wird als lächerlich erklärt und vorgeschlagen, daß am Anfang und am Ende jeder Gasse ein Lueger-Standbild errichtet werde. Die jetzt geltenden Namen für die Eisenbahnstrecken sollen aufgehoben werden. Man wird künftighin sagen „Bürgermeister Dr. Karl Borromäus-Bahn, Südliche Linie“, „Bürgermeister Dr. Karl Borromäus-Bahn, Böhmische Linie“, „Bürgermeister Dr. Karl Borromäus-Bahn, Ungarische Linie“, „Bürgermeister Dr. Karl Borro— und so weiter halt, ach, es geht einem ja der Atem aus ! Der Donaukanal wird umgetauft und wird „Bürgermeister Dr. Karl Borromäus Lueger-Kanal“ heißen. Natürlich werden auch alle Stationsnamen der elektrischen Straßenbahn mit dem Namen Luegers geschmackvoll verbunden. Es wird auch an die Provinzstädte mit der Aufforderung herangetreten werden, sich im Sinne der Verehrung Luegers umtaufen zu lassen. Es wird versichert, daß man diese Reformen als für den Anfang genügend erachtet.
Arbeiter-Zeitung. 3. April 1910.
Das Lueger-Denkmal
(Zeichnung von Heinrich Kastner.)
Mit Rücksicht auf die aus allen Bezirken geäußerten Wünsche nach Aufstellung des Lueger-Denkmals hat der Stadtrat beschlossen, ein transportables Lueger-Denkmal herstellen zu lassen, das sowohl den Sieg des christlichen Gedankens als auch die kommunalen Errungenschaften— Elektrische, Gas, Hochquellenleilung— darstellen wird. Das Denkmal wird mittels Lastenautomobils täglich durch alle 21 Bezirke Wiens geführt werden.
Glühlichter. 9. April 1910.
Über Richard Weiskirchner, der von 1913 bis 1919 Bürgermeister von Wien war, ist zu erfahren:
Der Druck im sozialen und politischen Gefüge Wiens nahm sichtlich zu. Bürgermeister Weiskirchner verlangte am Deutschen Volkstag im Juni 1918 antislawische Maßnahmen und generell eine Politik, die einbekennt, dass „den Deutschen die führende Rolle im Reich gebührt“. Antisemitische Strömungen hatten Hochkonjunktur: Juden wurden für den Krieg, die Teuerung oder die Spanische Grippe verantwortlich gemacht, und es wurde administrativ viel getan, um ihnen das Leben in der Hauptstadt zu vergällen. Im Wiener Gemeinderat wurde gegen sie gehetzt, jüdische Flüchtlinge aus Galizien sollten zur baldigen Rückkehr in Ihre Heimat bewegt werden.
Die Welt der Habsburger. Gelesen am 15. Juni 2026.
Es fehlte jegliches Verständnis für ihre Anwesenheit, da der Wiener Bevölkerung das militärische Debakel, die Zwangsevakuierungen und Zerstörungen im Frontgebiet verschwiegen worden waren. Die Flüchtlinge waren, außer den schlechten Ernährungs- und Wohnbedingungen sowohl in Wien als auch in den von der Außenwelt isolierten und bewachten »Flüchtlingslagern«, laufend Schikanen der Behörden ausgeliefert. Sie wurden mit dem Vorwurf konfrontiert, sich dem Militärdienst zu entziehen und, ohne zu arbeiten, Fürsorgeunterstützung zu erschleichen. Die perfide Logik rassistischer und fremdenfeindlicher Gesinnungen führte auch dazu, dass man ihnen die Schuld am eigenen Elend und an den hygienischen Verhältnissen, in denen Krankheit und Ungeziefer gediehen, zuschob. So verbot man jüdischen Flüchtlingen »aus hygienischen Gründen« die Benutzung von Straßenbahnen, den Besuch von Badeanstalten und das Verlassen ihrer Aufenthaltsorte. Bei der vorbeugenden Seuchenbekämpfung wurden unwürdige und die religiösen Gefühle verletzende Zwangsmaßnahmen ergriffen, und schon 1915 befürchtete man Pogrome, sollte bekannt werden, dass auch nur ein Flüchtling Träger epidemischer Krankheiten wäre. Als sich die soziale und ökonomische Lage im Hinterland verschlechterte, wurden die Juden nicht mehr nur als Schuldige an ihrer eigenen, sondern auch als Sündenböcke für die allgemeine Not diffamiert.
Der Begriff »Ostjude« wurde bis Kriegsende zum Synonym für »Preistreiber« und »Wucherer«, und das Wort von der »Besetzung Wiens« durch »galizische Eindringlinge« zählte zu den Gemeinplätzen antisemitischer Agitation.46 Mit dem Hinweis auf die drohende Arbeitslosigkeit, die Seuchengefahr und den befürchteten »mitbestimmenden Einfluß auf die Zusammensetzung zahlreicher Körperschaften« betrieb der Wiener Bürgermeister Richard Weiskirchner schon Anfang 1915 die Abschiebung der Flüchtlinge. Diese würden sich zudem »dem Empfinden und der Denkungsweise der Wiener Bevölkerung nicht anpassen« und die Stadt der Gefahr aussetzen, »ihr charakteristisches Gepräge und ihre Eigenart einzubüßen«.47 Nach der Rückeroberung weiter Teile Galiziens und der Bukowina im Herbst 1915 repatriierte man sofort tausende Flüchtlinge. Dadurch sank die Zahl staatlich unterstützter Flüchtlinge in Wien von ursprünglich fast 150.000 bis zum Herbst 1915 auf 77.000 ; im Mai 1916 waren es nur noch 20.000. Wurde ein Ort zur Rückkehr freigegeben, dann verlor der Flüchtling die staatliche Unterstützung, wobei die Bereitschaft zur Heimkehr aufgrund der schlechten Lebensverhältnisse in Wien meist sehr groß war.48
GRUNDLAGEN Thomas Albrich Vom Antijudaismus zum Antisemitismus in Österreich. Von den Anfängen bis Ende der 1920er Jahre. Gelesen 15. Juni 2026.
Die auf den KL mündende Weiskirchnerstraße ist benannt nach Richard Weiskirchner.
Wie zeitgenössisch klingt das vor weit mehr als einhundert Jahren Vorgebrachte zu dem, das heutigentags zu hören und zu lesen verbreitet wird, etwa
Oh, was war das für eine Luegerfeier am KL in 1935
zur Zeit der christlichsozialen Alleinregierung,
der Bundeskanzler legte einen Kranz …
Nun trat Altbundeskanzler Dr. Seipel vor und wandte sich an die Versammelten: Wir gehen heute nicht von diesem Festplatze weg, ohne ein Wort des herzlichen Dankes unserem Freunde Kunschak gesagt zu haben.
Als die letzten Töne verrauscht waren, trat der Obmann des Denkmalkomitees Leopold Kunschak an die Stufen des Standbildes und hielt folgende Festrede: Zwei Ereignisse sind tief eingegraben in die Geschichte der Stadt Wien.
Vielleicht kommt es eines Tages, ist es vorstellbar, es eines Tages noch dazu kommt, daß eine dritte Tafel auf dem KL aufgestellt wird, so wie jetzt die erste durch die zweite Tafel getauscht wurde, auf der dann auch etwas über Leopold Kunschak zu lesen sein wird, auch darüber, zu welchem einzigen Zweck das kunschaksche Standbild geschaffen ward: als Mittel der christlichsozialen Propaganda —
und vielleicht noch einmal von Oliver Rathkolb …




































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